EUROGATE CTW: „Farewell, Holger! Ahoi, Hannah!“

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Heute, am 31. März, ist offiziell der letzte Arbeitstag von Holger Bomm, Geschäftsführer des EUROGATE Container Terminals Wilhelmshaven (CTW). Verabschiedet wurde er bereits – im Unternehmen wie auch in den Medien – mit großer Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Wir möchten diesen Moment dennoch nutzen, um uns auf unsere Weise zu bedanken: persönlich und mit einem Gespräch, für das sich Holger Bomm – trotz seiner letzten intensiven Wochen und eines vollen Abschiedskalenders – noch einmal Zeit genommen hat. Gemeinsam mit seiner Nachfolgerin Hannah Ohorn ist Anfang März am CTW ein Interview entstanden, das zurückblickt und zugleich nach vorn weist.

Wilhelmshaven. Montag, 2. März. Es ist einer dieser seltenen norddeutschen Frühlingstage, an denen Petrus es besonders gut mit Wilhelmshaven meint. Der Himmel ist strahlend blau, und die roten Containerbrücken am JadeWeserPort heben sich scharf vom Horizont ab.

Nur noch eine knappe Woche wird Holger Bomm hier sein Büro haben. Am Freitag endet seine Zeit als Geschäftsführer des EUROGATE Container Terminals Wilhelmshaven (CTW). Dreieinhalb Jahre war sein Arbeitsplatz am Ozean-Pier 1, direkt am Terminal – in einem Bürokomplex, der in seiner Klarheit fast schon programmatisch wirkt: markant, zeitlos, nachhaltig. Glatter Beton, geradlinig und robust. Ein Bau für einen Ort, an dem Wind, Wetter und große Ideen zum Alltag gehören – und an dem Hafengeschichte geschrieben wird.

Das Gebäude hat viel erlebt: Die Zeit, in der Wilhelmshaven mit seinem Tiefwasserhafen belächelt wurde. Die Jahre, in denen der JadeWeserPort noch als „Geisterhafen“ verspottet wurde. Und die langen Phasen, in denen Geduld gefragt war.

Heute hat sich das Bild gewandelt. Der JadeWeserPort ist der drittgrößte Containerhafen Deutschlands und der größte in Niedersachsen. Längst wissen auch Reedereien in Asien, wie man den Namen Wilhelmshaven ausspricht. Dass der Standort heute diese Rolle spielt, ist das Ergebnis vieler Entscheidungen, vieler Investitionen und eines Teams, das über Jahre hinweg an den Hafen geglaubt hat.

Treffpunkt für das Gespräch ist an diesem Nachmittag der Sitzungssaal „Norderney“. Ein Raum, der für dieses Interview kaum besser gewählt sein könnte. Von hier aus fällt der Blick direkt auf das Terminal.

Draußen ist gerade Schichtwechsel. Zwischen den Containerbrücken ziehen die Straddle Carrier scheinbar mühelos ihre Bahnen über das Terminal. Ein präzises Zusammenspiel aus Technik, Erfahrung und Routine.

Auf dem  Tisch stehen Kaffee, Kekse und Schokolade sowie Mineralwasser bereit. Letzteres trägt den Namen Viva con Agua – ein Projekt eines gemeinnützigen Vereins, der sich weltweit für den Zugang zu sauberem Trinkwasser engagiert. „Wasser für alle – alle für Wasser“ lautet die Idee dahinter. EUROGATE unterstützt diese Initiative.

Die Flaschen gibt es in den Varianten „laut“, „leise“ – und „kleinlaut“. Weil man sich im Terminal normalerweise auf „laut“ oder „leise“ beschränkt, hat die Pressesprecherin der Wilhelmshavener Hafenwirtschafts-Vereinigung e.V. an diesem Tag vorsorglich „kleinlaut“ mitgebracht – ein Running Gag zwischen ihr und Hannah Ohorn.

Den Korb mit den Flaschen trägt Holger Bomm selbst in den Raum. Unprätentiös und unkompliziert. So lässt sich der scheidende Geschäftsführer wohl am treffendsten beschreiben. Und seine Nachfolgerin passt gut in dieses Bild.

Holger Bomm verabschiedet sich in wenigen Tagen in den Ruhestand. Hannah Ohorn hat das operative Geschäft am Terminal in den vergangenen Jahren bereits eng an seiner Seite begleitet. Zunächst als Operations Managerin, später als Geschäftsführerin gemeinsam mit ihm. Seit Anfang dieses Jahres trägt sie die Verantwortung nun allein. In der Wilhelmshavener Hafenwirtschafts-Vereinigung e.V., deren Vorstand Holger Bomm angehört, ist Hannah Ohorn ebenfalls als seine Nachfolgerin kooptiert worden.

Wer die beiden erlebt, merkt schnell: Das sind zwei Menschen, die einander vertrauen. Die wissen, wie der andere tickt. Über drei Jahre hinweg haben sie eng zusammengearbeitet.  Von großen Fußstapfen oder gar Quotenfrauen wollen beide in diesem letzten gemeinsamen Interview nichts wissen. Darüber können sie nur lachen.

Herr Bomm, schauen Sie bitte kurz hinaus auf das Terminal. Gewöhnt man sich je an diesen Anblick?

Holger Bomm:
Nein. Wenn man sieht, wie draußen alles ineinandergreift, die Containerbrücken, die Straddle Carrier, die Abläufe auf der Fläche, dann geht einem schon das Herz auf. Das wirkt wie eine Choreografie. Dahinter steckt vor allem eines: Ein unglaublich engagiertes Team.

Hannah Ohorn:
Rund 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind bei uns beschäftigt. Viele seit der Eröffnung des JadeWeserPorts im Jahr 2012.  Sie machen ihren Job mit Herzblut. Genau wie wir.

Frau Ohorn, seit dem 1. Januar 2026 führen Sie das Terminal als Geschäftsführerin. Wie fühlt sich dieser Schritt an?

Hannah Ohorn:
Es ist eine große Verantwortung, jedoch gleichzeitig eine sehr schöne Aufgabe. Holger hat mich von Anfang an begleitet. Wir sind beide im Sommer 2023 zum Container Terminal Wilhelmshaven gekommen und haben seitdem eng zusammengearbeitet. Infolgedessen fühlt sich dieser Übergang nicht wie ein Bruch an, sondern eher wie eine konsequente Fortsetzung.

Holger Bomm:
Genau so war es gedacht. Hannah kennt das Terminal, die Mannschaft und die Themen sehr genau. Sie hat die operativen Abläufe lange mitgesteuert. Somit war für mich früh klar: Diese Nachfolgeregelung ist eine sehr gute Lösung für den Standort.

2025 war für das CTW ein besonderes Jahr. Zum ersten Mal wurde die Marke von einer Million Standardcontainern überschritten.

Holger Bomm:
Das ist ein wichtiger Meilenstein und eine Gemeinschaftsleistung des gesamten Teams. Jetzt ist wichtig, dass wir diesen Weg stabil weitergehen.

Hannah Ohorn:
Man darf eins nicht vergessen: Lange Zeit wurde die Leistungsfähigkeit des JadeWeserPorts gar nicht vollständig genutzt. Inzwischen zeigt sich, was hier möglich ist. Für uns ist das Anspruch und Ansporn zugleich. Was immer wir gerade erreicht haben, unser Motto bleibt stets: „Da geht noch was.“

Was für ein Unterschied zu den letzten 13 Jahren. Der JadeWeserPort galt früher oft als „Geisterhafen“.

Holger Bomm:
Leider. Wenn wir anfangs vom Aufschwung gesprochen haben, kam von unseren Mitarbeitern häufig diese Antwort: „Das hat man uns seit 2012 schon oft erzählt.“ Viele waren skeptisch. Zu tief saßen die Enttäuschungen aus den letzten Jahren. Inzwischen hat sich das Bild deutlich gewandelt. Wir werden in der Branche wahrgenommen und damit die Arbeit unserer Mannschaft gewürdigt.

Hannah Ohorn:
Diese Sichtbarkeit tut uns allen gut. Dem Team und dem Terminal. Der Hafen funktioniert heute als Hub. Genau so, wie er ursprünglich gedacht war. Die Dynamik hat vor allem durch neue Linienverkehre zugenommen.

Ein wichtiger Faktor ist die Gemini Cooperation von Hapag-Lloyd und Maersk.

Hannah Ohorn:
Dass diese Partnerschaft Wilhelmshaven im Rahmen eines volumenstarken Asien-Europa-Dienstes als ersten europäischen Hafen anläuft, ist ein starkes Signal. Gleichzeitig darf man nicht unterschätzen, wie viel Überzeugungsarbeit dahintersteckt.

Holger Bomm:
Für Reedereien bedeutet ein neuer Hafen immer ein Risiko. Ihre gesamte Logistikkette ist darauf ausgelegt, zuverlässig zu funktionieren. Da gilt oft der Grundsatz: Never change a running system. Man muss dicke Bretter bohren, um neue Linien an einen Standort zu holen. Deshalb werden wir nicht müde, Hapag-Lloyd für ihr Vertrauen in uns zu danken.

Hannah Ohorn:
Und dass Hapag-Lloyd ein Schiff „Wilhelmshaven Express“ nennt, passiert nicht zufällig. Dahinter steht der feste Glaube an den Standort.

Selbst der sogenannte Indian Ocean Service (IOS) ist wieder nach Wilhelmshaven zurückgekehrt.

Holger Bomm:
Das macht uns stolz. Denn diese Linie war vor etwa einem Jahr schon einmal hier, ist dann aber wieder nach Hamburg gegangen. Dass sie jetzt zurückgekommen ist, spricht für den CTW.

Was macht den JadeWeserPort aus Sicht der Reedereien so attraktiv?

Hannah Ohorn:
Der Hafen ist tideunabhängig und bietet hervorragende nautische Bedingungen. Kapitäne und Lotsen sagen uns immer wieder, dass Wilhelmshaven ein echtes „Captain’s Paradise“ ist.

Holger Bomm:
Man darf dennoch nicht den Fehler machen, die deutschen Häfen untereinander als Konkurrenten zu betrachten. Jeder hat seine eigenen Stärken. Davon profitiert die deutsche Wirtschaft. Hamburg ist tief im Landesinneren verankert, Bremerhaven hat seine industrielle Struktur und die Werften. Wilhelmshaven punktet wiederum mit idealen Bedingungen für große Containerschiffe.

Der JadeWeserPort erhält mittlerweile sogar international Aufmerksamkeit.

Holger Bomm:
Ganz eindeutig. Vor anderthalb Jahren konnten viele in China den Namen Wilhelmshaven noch nicht einmal aussprechen. Das hat sich definitiv geändert.

Womit wir bei den stark gestiegenen Umschlagzahlen sind.

Hannah Ohorn:
Im vergangenen Jahr haben alle deutschen Häfen zugelegt. Wilhelmshaven allerdings am meisten. Bei uns ist ein Wachstum von rund 74 Prozent gegenüber 2024 erreicht worden. Das zeigt, welches Potenzial hier vorhanden ist.

Holger Bomm:
Jetzt ist wichtig, dass wir diesen Weg stabil weitergehen. Die Million im September 2025 war ein Meilenstein. Aber natürlich schauen wir schon auf die nächsten Schritte. 

Auf die Zwei-Millionen-Marke?

Hannah Ohorn:
Genau. Dementsprechend investieren wir weiter in Technik und Infrastruktur. Zwei zusätzliche Containerbrücken werden demnächst in Betrieb genommen. Außerdem arbeiten wir an neuen Automatisierungslösungen.

Dazu gehört das Pilotprojekt mit autonomen Terminal-Trucks.

Hannah Ohorn:
Ja. Gemeinsam mit mehreren Partnern haben wir einen sechsmonatigen Test durchgeführt. Dabei wurde der komplette horizontale Transportzyklus automatisiert gefahren. Die Versuchsreihe hat gezeigt, dass diese Technologie im Terminalbetrieb funktionieren kann.

Auch ohne diesen erfolgreich abgeschlossenen Proof-of-Concept verändert sich die Arbeit auf dem Terminal schon jetzt.

Hannah Ohorn:
Das ist richtig. Ein Beispiel sind unsere Remote-Brücken. Die Steuerung erfolgt nicht mehr draußen in der Höhe, sondern von ergonomischen Arbeitsplätzen im Gebäude aus. Und zwar über Monitore und digitale Systeme. Das macht die Arbeit deutlich komfortabler und sicherer.

Holger Bomm:
Automatisierung bestimmt zunehmend unsere Arbeitswelt. Wie man bei den Remote-Brücken sieht, macht sie Tätigkeiten sogar attraktiver und unsere Arbeitsabläufe effizienter. Den Menschen am Hafen wird sie jedoch niemals vollständig ersetzten können. Deswegen suchen wir immer neue Kolleginnen und Kollegen.

Ist es schwierig, Fachkräfte nach Wilhelmshaven zu holen?

Hannah Ohorn:
Zumindest ist es immer noch eine Herausforderung. Wenn man allerdings sieht, was bei uns gerade alles passiert, wird sich das zunehmend ändern. Davon bin ich überzeugt. Generell hat Wilhelmshaven vieles, was einen Standort – neben den spannenden Arbeitsplätzen am Hafen – attraktiv macht: Wasser, Platz und bezahlbaren Wohnraum. Hier gibt es noch viel Potenzial und zahlreiche Perspektiven.

Apropos Zukunft, was sind Ihre nächsten Ziele?

Hannah Ohorn:
Unser Anspruch ist klar: Wir wollen in der Nordrange der beste Hafen sein.

Holger Bomm:
Dafür müssen wir drei zentrale Herausforderungen meistern: Wachstum erzeugen, die Performance auf dem Terminal weiter verbessern und uns konsequent weiterentwickeln.

Hannah Ohorn:
Dabei geht es uns nicht nur um Volumen, sondern um werthaltiges Wachstum. Themen wie Transshipment, neue Logistikketten oder digitale Prozesse werden eine große Rolle spielen.

Wie schlägt sich das Terminal eigentlich im Vergleich zu anderen deutschen Häfen?

Holger Bomm:
Wir müssen uns nicht verstecken. Bei der Umschlagsleistung – also den Containerbewegungen pro Stunde – sind wir auf Augenhöhe mit Hamburg und Bremerhaven. Und wenn man sich anschaut, mit welchem Personaleinsatz wir das erreichen, dann steht unsere Mannschaft sehr gut da.

Jetzt haben wir viel darüber gesprochen, welche Relevanz der Hafen für den globalen Handel und dessen Warenströme hat. Aber was bedeutet er für Wilhelmshaven als Stadt?

Holger Bomm:
Unsere rund 700 Beschäftigten tragen erheblich zur Wertschöpfung in der Region bei. Der Hafen ist längst ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor für die Stadt. Dazu muss man wissen, dass die Hafenregion Wilhelmshaven von 2020 bis 2023 den stärksten Zuwachs aller Hafenstandorte verzeichnete: Die Zahl der hafenabhängig Beschäftigten stieg um über 21 Prozent auf 9.250 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Demnächst sind es nur noch 9.249. Schließlich verabschieden Sie sich Ende März offiziell in den Ruhestand. Was haben Sie danach vor?

Holger Bomm:
Ich werde meinen Ruhestand auf einem „schwimmenden Joghurtbecher“ auf dem Mittelmeer verbringen. (lacht)

Das klingt nach einem sehr kleinen Boot.

Holger Bomm:
Das ist natürlich etwas untertrieben. Es handelt sich um eine 12,5 Meter lange Bavaria. Meine Frau Conny und ich starten an der oberen Adria und wollen einmal quer durchs Mittelmeer segeln – von Ost nach West. Drei- oder viermal im Jahr kommen wir nach Hause. Ansonsten möchten wir segeln und vor allem Land und Leute kennenlernen. 

Und was würde Sie ganz schnell wieder an den JadeWeserPort locken?

Holger Bomm:
Wenn die Millionste Containerbox den CTW erreicht.

Hannah Ohorn:

Das entspricht rund zwei Millionen TEU. Da wir 2025 am JadeWeserPort bereits eineinhalb Millionen TEU umgeschlagen haben, bin ich diesbezüglich sehr zuversichtlich, dass Du uns bald besuchen kommst.

Famous last words. Sie gehören traditionell dem scheidenden Geschäftsführer.  Herr Bomm, was geben Sie Ihrer Nachfolgerin mit auf den Weg?

Holger Bomm:
Eigentlich nichts Neues. Hannah bringt alles mit, was man für diesen Job braucht: Handwerkszeug und Leidenschaft. Beides in großer Menge. Da sie wie ich gern segelt, weiß sie außerdem in kritischen Situationen: Den Wind kann man nicht ändern – die Segel schon.

Bildquelle: EUROGATE